Mittwoch 31.07.2002 12.Tag Mývatn - Askja - Herðubreiðarlindir
Ich habe in der Nacht unruhig geschlafen, denn der Wecker ging nicht mehr. Die Batterie schien sich verabschiedet zu haben. Ich war auf den Wecker der Armbanduhr angewiesen und sah oft auf die Uhr, weil ich den Bus um 8.00 Uhr nicht verpassen wollte. Um 6.00 Uhr kroch ich aus dem Zelt, leerte es und legte es zusammen. Gleichzeitig kochte ich Tee. Ich frühstückte Brot und Käse, restaurierte mich, packte den Rucksack und lief zum Bus. Er stand schon da für die 12stündige Tagestour von Reykjahlið am Mývatn zur Askja und zurück. Jeder Fahrgast wurde namentlich registriert, das Gepäck kam unten in den Bus hinein. Es war ein sehr gemischtes Volk. Simple Tagesausflügler ohne viel Gepäck und echte Trekkingleute. Darunter ein erfahrener Londoner, mit dem ich mich unterhielt, bis er irgendwo unterwegs ausstieg, und ein echter Ostberliner. Den ganzen Tag über war sehr schönes Wetter, früh und abends sogar sehr sonnig. Es war ein schöner Sonnenuntergang zu sehen. Die Fahrt ging am geothermischen Kraftwerk bei der Krafla vorbei, dann nach Süden. Überall gab es nur Lava, Lava, Lava, sehr alt, alt, jüngeren Datums und neu. Gezahlt wurde während der Fahrt. Ich zahlte nur die Hinfahrt, 4400 ISK. Die Rückfahrt ist immer möglich. Unterwegs sah ich den Vulkan Hverfjall wieder, auf dem ich im Jahre 1993 beim Abstieg meine "elchledernen" Bergschuhe zerstört hatte. Die Fahrt bis zum Herðubreið war enorm: endlose Lavafelder der verschiedensten Alter und Arten. Unterwegs machte der Fahrer einige Pausen, immer an besonders interessanten Stellen. Schön war die Rast an einem kleineren Wasserfall, der ein relativ neues Canyon bildet. Dort haben wir die Umgebung eingehend besichtigt. Vorher aber war ein Halt in Herðubreiðarlindir (wo ich jetzt am Abend zelte und meine Notizen mache). Der letzte Halt vor dem Ziel war an der Hütte Draki. Hier wollte ich auf der Rückfahrt ursprünglich aussteigen, aber ich fuhr dann wieder mit bis Herðubreiðarlindir, da ich ja den nächsten Morgen die Herðubreið zu besteigen beabsichtigte. Um die Hütte herum gab es fast nur Wüste. Nur ein kleines Flüsschen trat in der Nähe aus einer Schlucht. Schließlich ist hier ein Ausgangspunkt zum mehrtägigen Marsch (5-7 Tage, 93 Kilometer) durch die berüchtigte Ódáðahraun (Missetäterwüste), die größte Lavawüste der Erde. Über eine staubige und engste "Piste" ging es unablässig und alle paar Meter(!) durch Kurven bzw. im Zickzack vorwärts. Die Kurven lagen so eng hintereinander, daß der Bus stets nur im 2. oder 1. Gang fahren konnte. Dem Auge boten sich schwarze Lavafelder in der Nähe, Gletscher in der Ferne, die Herðubreið in unterschiedlichsten Perspektiven und große Flächen weißen Bimssteins auf schwarzem Aschesand. Einfach grauenhaft schön. Oder umgekehrt. Wann taucht nun aber endlich die Askja (Schachtel) auf? Nach langer Fahrt erreichten wir gegen 12.00 Uhr eine Art Parkplatz am Rande der Askja. Die Askja ist ein riesiger Einsturzkessel des Vulkans Dyngjufjöll. Sie entstand, als die entleerte unterirdische Magmablase unter der Last des Vulkankörpers in sich zusammenbrach. Von hier lief ich etwa eine halbe Stunde über schwarzen Sand und einige Schneefelder zum Kratersee Viti, der innerhalb der Askja liegt. Der größte Teil dieses Weges verlief also in der Askja selbst. Da ich im Kratersee Viti (Hölle) unbedingt baden wollte, musste ich in das tiefe Kraterloch hinabsteigen. Es gibt nur einen steilen Weg bis unmittelbar an den Wasserrand hinab und von dort wieder hinauf. Das Aus- und Ankleiden war entsprechend mühsam. Das Wasser war eine milchige (schweflige?) Brühe, aber warm, 35° C - 40° C. An einigen Uferstellen tritt unmittelbar über der Wasseroberfläche kochendes Wasser aus. Das eigentliche Erlebnis ist aber nicht das Baden und Schwimmen. Der Blick die steilen Kraterwände hinauf zeigt, an welch unheimlichem Ort man sich befindet...
Nach ausgiebigem Baden lief ich den oberen Rand des Kraterloches ab und besichtigte von hier die grandiose Landschaft. Neben Viti liegt der große Kratersee Öskjuvatn, ebenfalls innerhalb der Askja. Deren teilweise mit Schnee bedeckten Berghänge spiegelten sich im See. Die Askja ist eine riesige, runde und flache Landschaft mit den beiden Seen als Vertiefungen, umgeben von Berghängen. Nachdem ich alles ausführlich betrachtet hatte, lief ich zurück zum Bus, der auf der Rückfahrt an der Hütte Dreki längere Zeit hielt. So konnte man die eindrucksvolle Ödnis richtig auf sich wirken lassen. Schließlich ging es dann für mich nach der Oase Herðubreiðarlindir. Morgen früh will ich um 7.00 Uhr zur Herðubreið aufbrechen. Ich muß ihn erst von hier aus halb umrunden. Ich zelte im Osten und der Aufstieg ist auf der Westseite. Vom Zelt aus bis zur Aufstiegsstelle sollen es ca. 1,5 Stunden Fußmarsch sein. Der Aufstieg dauert 2 Stunden. Nach dem Zeltaufbau am Flüsschen meldete ich mich bei der Bergwacht und teilte meine geplante Besteigung der Herðubreið für den nächsten Tag mit. Ich wurde befragt, ob ich einen Helm ("Steinschlaggefahr") und Steigeisen für Eis und Schnee mit hätte. Das habe ich beides nicht und die freundliche aber unaufmerksame junge Frau hatte mit ihrem Verweis auf die drohenden Gefahren ihre Pflicht erfüllt. Sie wies mich noch auf ein Photo mit der einzig möglichen Aufstiegsroute hin. Ich betrachtete es ungenügend und mit dem Wissen, daß es nur einen Weg noch oben und unten gab, prägte ich mir auch nicht die auf dem Bild eingezeichnete Linie ein. Für den Moment war die schriftliche und namentliche Abmeldung von 7 bis 17 Uhr das Wichtigste. Bei der Rückkehr muß man sich zurückmelden, ansonsten würde man gesucht.
Hoffentlich ist morgen ein so ideales Wetter wie heute! Ich muß ein neues Fersenpflaster, etwas zu essen, die Stöcke, den Hut, die Sonnenbrille und den Photoapparat mitnehmen. Also keinen Rucksack.
Es ist jetzt 23.00 Uhr und es ist angenehm warm draußen. Das Flüßchen plätschert nahe am Zelt vorbei und wenn ich aus dem Zelt sehe, liegt vor mir die Herðubreið (Breitschultrige), die Königin der isländischen Berge, der größte Tafelvulkan der Erde, nach der isländischen Edda die Götterburg Asgard. Sie ragt 1100 Meter hoch über die umliegende größte Lavawüste der Welt auf und galt bis zur Erstbesteigung im Jahre 1908 als unbesteigbar.
Donnerstag 01.08.2002 13.Tag Besteigung der Herðubreið (1682 m)
Ich wollte um 7.00 Uhr losgehen, aber es war 7.40 Uhr bei meinem Abmarsch. Nach der Brücke über das Flüßchen folgte ein langer "Weg" über ein großes Lavafeld. Die Lava liegt in großen Blöcken und Platten da und der Pfad läuft zunächst direkt auf den Berg zu. Später, in der Nähe des Bergfußes, hier endet das große Lavafeld, schwenkt er, um die Herðubreið dem Uhrzeigersinn entgegengesetzt umgehen zu können. Flache sandige Flächen sind zu durchlaufen, die von kleinen, kaum ein paar Zentimeter tiefen Bächen durchflossen werden. Lange Strecken sind fast vegetationslos. Nur an den Bächen wachsen ein paar Pflänzchen, alles niedrige Arten. Dann tauchte links ein schmales, steiles Seitental mit einem größeren Bach auf und ich glaubte Steinmänner zu erkennen. Ich verstieg mich dort eine ganze Weile und kehrte schließlich um, den steinigen, völlig unwegsamen Bachlauf wieder hinab. Es war ein harmloser Irrtum, der aber viel Zeit kostete. Dann ging es weiter um den Berg herum. Durch und über Lava, Geröll und Sand. Der Weg zog sich. Immer wieder sah ich zum Berg hinauf und suchte mit den Augen eine Stelle, wo der Aufstieg sein könnte. Aber überall war oberhalb des Schuttkegels nur steiler, senkrechter Fels zu sehen.
Das Hinweisschild für den Aufstieg am „Parkplatz“
Endlich war ich dann um 11.45 Uhr an der
Stelle angekommen, wo sich ein sogenannter "Parkplatz" in der
Ödnis befinden sollte, gekennzeichnet durch drei Stricke, die nach drei
Seiten ein kleine rechteckige Fläche markierten. Dort befand sich noch
ein Schildchen in Kniehöhe mit dem Hinweis und einem Pfeil, daß es
hier zum Gipfel der Herðubreið ginge. Ich sah dort hoch und so ganz
egal war mir nicht, was ich da sah ... Dort wollte, musste ich hoch?
Ich war allein bis hierher gekommen und auch hier war niemand. Das
Wetter war bestens! Die Sonne schien am strahlend blauen Himmel, es war
warm und windstill.
Der Aufstieg begann steil und der Pfad war tief sandig auf den ersten
vielen Metern. Ben Nevis oder der Stromboli lassen sich dagegen leicht
besteigen. Später zeigten sich Serpentinen durch Sand und Geröll. Bis
hierher war ca. ein Drittel der Höhe geschafft. Der Ausgangspunkt am
Fuße des Berges erschien jetzt winzig. Dann kam ich vom Weg ab, d.h. es
waren keine Fußspuren mehr zu sehen, denen ich bisher gefolgt war. An
einer Stelle, wo es felsig wurde, verlor ich den Weg und war an eine
Stelle geraten, wo, nach unten gesehen, links neben mir ein vereistes,
steiles Schneefeld lag und rechts neben mir war festes Gestein. Weiter
rechts davon musste eine Felsrinne liegen, in der ständig Steine laut
hörbar herabstürzten. Ich aber befand mich inmitten von lockerem
Geröll, auf dem ich trotz Stöcken ständig rutschte und fiel. Beim
Suchen des Weges geriet ich dann für meine Begriffe in Bergnot. Ich
konnte mich manchmal nicht halten und rutschte ein Stück nach unten.
Wenn ich auf das Eis käme, wäre es wohl aus mit mir! Immer wieder sah
ich Steine aus Richtung Gipfel über das Eisfeld herunterschießen. Die
Winderosion hatte sie fallen lassen. Sie schlugen auf dem Eis auf wie
Tischtennisbälle und flogen mit großer Geschwindigkeit über das
Eisfeld weiter hinab bis zum nächsten Aufprall. Sie verloren sich dann
ganz im Abgrund. Der Anblick dieser Geschosse war beängstigend. Ich
befand mich auf lockerem Gestein, nichts hielt unter mir. Ich hatte
wirkliche Angst und wusste nicht weiter. Werde ich überhaupt heil
herunterkommen? Ich überlegte eine unbestimmte Zeit, ob ich mit dem
Mobiltelefon nach Hilfe rufen sollte. Und wenn ja, welche Nummer? Komme
ich allein davon, gibt es eine Chance, oder nicht? Aber dann besann ich
mich, ich mußte irgendwie wieder auf die Beine kommen. Ich lag ja auf
der rechten Seite bzw. auf dem Bauch, mit der rechten Hand an einem
lockeren Stein, der zur Hälfte im Sand lag. Der Stein war mein einziger
Halt für eine scheinbar unendliche Zeit, denn die Füße hatten keine
Halt, es gab nichts Festes unter meinen Sohlen. Die Stöcke griffen
lange auch nicht. Sehr, sehr langsam und vorsichtig versuchte ich, mit
Hilfe der Stöcke wieder auf die Beine zu kommen. Bloß nicht wieder und
weiter abrutschen! Aber es gelang. (Im nachhinein weiß ich, daß ein
plötzliches, ruckartiges Aufstehen besser ist, wenn es denn irgendwie
machbar ist.) Mit großer Vorsicht bewegte ich mich ganz langsam, um aus
der Gefahrenzone, dem Geröll unter mir, zu kommen und wieder festen
Boden zu erreichen. Ich musste zurück und den Weg suchen, auf dem ich
hochgekommen war. Nach der langen Zeit, in der ich fast hilflos auf der
Schnauze gelegen und wie ein Käfer wieder auf die Beine kommen wollte,
bewegte mich nur noch der Gedanke, wie und ob ich heil nach unten kommen
könnte. Den Gipfel hatte ich längst abgeschrieben. Deshalb hatte ich
nun ständig die tief unter mir liegende Ebene der Lavawüste im Blick,
in der Hoffnung auf menschliche Lebenszeichen. Denn ich fand mit den
Augen keine Spuren und keinen Weg. Wenn ich mich ein Stück bewegte,
waren das nur ein paar ängstliche Schritte. Nach langer Zeit sah ich
dann zwei winzige Autos aus westlicher Richtung kommen. Besser gesagt,
ich sah zwei von ihnen erzeugte Staubfahnen, die dann später an dem
sogenannten Parkplatz anhielten. Aber niemand kam hoch! Ich sah auch
niemanden. Was wollten die Leute aber sonst dort unten? Etwa ein paar
Photos machen und einfach weiter fahren? Ich musste mit allem rechnen.
Aber ich hoffte, wenn ich den Weg nicht mehr selbst finden würde,
gelänge es mir wenigstens dann, wenn ich jemanden beim Aufstieg
beobachten könnte. Deshalb bewegte ich mich ein kleines Stück vom
Schneefeld weg und blieb dann sehr lange stehen, gestützt auf meinen
Stöcken. Endlich, ich glaubte schon fast nicht mehr daran, sah es so
aus, als bewegten sich unten Leute auf den Berghang zu! Gespannt sah
ich, ob es wirklich so war. Und tatsächlich lief jemand ganz unten los,
von der Größe bzw. Entfernung her gerade noch erkennbar! Einige
Minuten später noch jemand, schließlich 6 - 7 Leute, schätzte ich.
Nun mußte ich genau aufpassen, wo sie wieder auftauchen am Berg, denn
sie würden für eine ganze Zeit aus meinem Blickfeld geraten. Zwischen
meinem Standort und dem letzten Punkt des Weges, auf dem sie sich
befanden und den ich einsehen konnte, war die Sicht durch einen großen
Vorsprung am Hang unter mir versperrt. Irgendwann hörte ich unter mir
Stimmen. Aber es war niemand zu sehen. Ich dachte, nur nicht den
Sichtkontakt verpassen! Deshalb beobachtete ich auch die noch ganz unten
laufenden Leute. Ich hatte also mehrere Chancen, da sie in Abständen
liefen. Dann sah ich die ersten zwei, aber oberhalb und seitlich meines
Standpunktes! Sie kletterten auf allen vieren und schienen den Weg zu
kennen. Ich lief vorsichtig in ihre Richtung und folgte ihnen, so gut es
ging, musste aber erst auf ihre Spur gelangen. Nachdem ich ein Stück
vor- und hochwärts gekommen war, bemerkte ich, daß sie nicht
weiterkamen. Dafür polterten große und kleine Steine den Hang und das
Schneefeld herab, die sie losgetreten hatten. So etwas hatte ich noch
nicht erlebt; die Steine sprangen, hüpften mit großer Beschleunigung
herab...
Meiner Meinung müßte der Aufstieg aber weiter links liegen, bei einer
Stelle, wo ein Steinmann zu sehen war (erst oben erkannte ich ihn als
einen natürlicher Stein). Jetzt hörte ich Leute unter mir! Sie waren
noch weit unten und irgendwie beschäftigt. (Später wusste ich, daß
sie zum Teil Helme aufgesetzt und sich auf den schwierigen Abschnitt des
Aufstieges vorbereitet hatten.) Auch ich trat Steine los, die in die
Nähe der unter mir befindlichen Bergwanderer fielen. Ein Mann
signalisierte mir, ich sollte warten, damit sie nicht von den Steinen
getroffen werden. Ich wartete. Mehrere isländische Männer und Frauen
kamen hoch. Ihr Anführer sprach etwas deutsch (nachdem er mich nach
meiner Nationalität gefragt hatte) und sagte, wir müssten eine Gruppe
bilden und ganz dicht hintereinander gehen. So wäre die
Steinschlaggefahr, ausgelöst durch uns selbst, gering. Für ihn war es
keine Frage, daß ich zum Gipfel wollte. Er kümmerte sich auch um die
beiden anderen Kletterer, ein junges Paar aus Heidelberg, wie sich
später herausstellte, und lotste sie zu uns heran. Nur mühsam und
unter seiner aufmerksamen Leitung ging es nun hoch. Jeder Schritt musste
geprüft werden. An manchen Stellen gingen wir in einer Reihe
nebeneinander! Ich sah, daß auch die Isländer Schwierigkeiten hatten.
Es gab keinen Trampelpfad oder irgendeine erkennbare Spur. So mussten
wir uns nach der Methode Versuch und Irrtum hochkämpfen, über uns
einen Schneehang und den "Steinmann". Wir kamen hoch!

Rast, nachdem wir das Plateau glücklich erreicht hatten
Oben rasteten wir alle. Da ich kein Wasser mitgenommen hatte, - es gab ja schließlich unterwegs genug Bäche! - gab mir ein Isländer etwas aus seiner Flasche. Es waren alles freundliche Leute und wir unterhielten uns mit ein paar englischen und deutschen Worten. Nach der Rast ging es weiter. Wir hatten erst ein Plateau erreicht, von dem aus es über große Steine, Geröll, Schneefelder noch zum eigentlichen Gipfel - der Mütze des Berges - ging.

Der eigentliche Gipfel
Kurz vor ihm wartete noch ein steiler, aber relativ kurzer Aufstieg auf uns, bei dem wir wieder sehr vorsichtig sein mußten. Dann hatten wir es geschafft.

Auf dem Gipfel, links der Leiter der Isländer
Auf dem Gipfel stand ein aus Holz und Metall gefertigter Obelisk. Uns bot sich ein herrlicher Blick über die Lavawüste Ódáðahraun, zur Askja, zum Vatnajökull etc. etc. Vom Gipfel aus war ein riesiges Kraterloch im Plateau des Berges zu sehen, vollkommen weiß vom Schnee bedeckt. Über der Wüste hatte sich einer der berüchtigten Sandstürme erhoben. Wir alle rasteten, machten eine Menge Photos und Gruppenphotos. Nun begannen die Vorbereitungen des Abstiegs, mit der Festlegung der Reihenfolge, in der wir dann loslaufen wollten. Ich sollte als zweiter hinter einem Isländer gehen, der beim Aufstieg den Weg mit einem Eispickel über ein Eisfeld gewählt hatte. Er hatte sicher viel Erfahrung. Mit größter Vorsicht, Umsicht und sehr langsam bewegten wir uns alle abwärts. Gegen 18.00 Uhr begann der mühevolle Abstieg und um 20.15 Uhr waren wir endlich unten, nachdem wir noch auf dem letzten Abschnitt einigen Steinschlägen, ausgelöst durch Winderosion, entkommen waren. Die Steine tauchten plötzlich auf, sprangen über uns hinweg oder seitlich vorbei. Nach einem Schrei von hinten warfen wir uns hin, um den Brocken zu entgehen. Wenn man von so einem Stein getroffen wird...
Einige Augenblicke vorher dachte ich noch, da wir uns jetzt fast auf dem "Hauptweg" nach unten befanden, es könne uns jetzt nichts mehr passieren! Du bist an diesem Berg erst in Sicherheit, wenn du ganz unten bist. Und dann am besten noch ein Stück weg von ihm! Unten angekommen, wollten uns (d.h. das Pärchen und mich) die Isländer mit den Autos zum Zeltplatz in Herðubreiðarlindir mitnehmen. Vor dem Abstieg hatte ich den haarlosen Isländer gebeten, die Hüttenleitung anzurufen, denn ich hatte in dem dortigen Buch eingetragen, daß ich mich um 7 Uhr auf den Weg zum Gipfel der Herðubreið machen und um 17 Uhr zurück sein wollte. Eine Suchaktion hätte ich sehr teuer bezahlen müssen. Er erledigte das ganz souverän und ich bedankte mich für seine Hilfe. Einer der Männer war einige Zeit an der Kieler Universität und ein anderer an der Technischen Universität Dresden und sie sprachen deshalb etwas deutsch. Sie waren Biologen und Physiker. Von ihnen hatte ich beim Aufstieg erfahren, daß man die Herðubreið am besten im Winter besteigt, wenn alles fest gefroren ist und es deshalb nicht diese gefährlichen Steinschläge gibt! Ich beschloß, mit dem Pärchen den Weg nach Herðubreiðarlindir zu Fuß zurückzugehen. Deshalb bedankte ich mich beim Abschied bei dem haarlosen Leiter der isländischen Bergfreunde und auch bei allen Männern und Frauen der Gruppe für die erwiesene große Hilfe aus meiner Bergnot und für die Bergfreundschaft, ohne die ich den Gipfel nicht erreicht hätte. Sie freuten sich auch über den glücklich verlaufenen gemeinsamen Auf- und Abstieg. Einer gab mir noch seine Wasserflasche mit auf den Weg. Leider habe ich mir ihre Namen nicht merken können. Ich weiß nur, daß sie aus Akureyri gekommen waren. Aber ich habe sie auf meinen Photos vom Gipfel! Es war dann noch ein langer Weg bis zum Zelt, über Lavafelder, Sand und Geröll um den Berg herum. Unterwegs hatten wir an den Bächen Wasser getrunken und ein Stück Brot mit Käse gegessen. Es war 23.30 Uhr bei unserer Ankunft. Wir meldeten uns trotz der späten Zeit bei der Hüttenwärterin zurück und verabschiedeten uns voneinander. Am Zelt kochte ich mir noch einen Tee, trank etwas aus dem Taschenrutscher, wusch mich und verschwand im Zelt. Nachts musste ich aus dem Zelt. Über dem entfernten Toilettenhäuschen schien phantastisch der Mond.

Auf dem Gipfel
Diesen Berg will und werde ich nie mehr besteigen. Er ist auch nicht für jedermann empfehlenswert, der nur gut "wandern" kann oder auch sonst körperlich gut drauf ist... Die Herðubreið ist durch die massenhaften Steinschläge und die schwierige Begehbarkeit auf der oberen Hälfte einfach viel zu gefährlich. Allein sollte man schon gar nicht hinauf wollen. Grob fahrlässig hatte ich gehandelt, indem ich mir am Vorabend das Photo mit der einzig möglichen Aufstiegsroute nicht aufmerksam genug angesehen hatte. hin. Mit dem Wissen, daß es nur einen Weg noch oben und unten gab, hatte ich mir die auf dem Bild eingezeichnete Linie nicht eingeprägt oder eine Skizze angefertigt. Das war mein größter Fehler gewesen.
Freitag 02.08.2002 14.Tag Herðubreiðarlindir - Mývatn
Nichts weiter unternommen, ich betrachtete bei schönem Wetter den Berg vom Zelt aus und überdachte den Auf- und Abstieg von gestern. Ich konnte an fast nichts anderes denken und war immer noch froh darüber, mit heiler Haut davongekommen und mit den Isländern sogar auf dem Gipfel gewesen zu sein.
Heute nachmittag will ich mit dem Bus zum Mývatn zurück.
Zuhause am 10.08.2002
recherchierte ich noch einmal lange in der Literatur und im Internet nach einer Beschreibung eines wirklichen Aufstiegs auf die Herðubreið. Ich habe nichts gefunden, wie schon bei der Planung der Reise nach Island lange vor meiner Abreise. Dafür Hinweise darüber, daß sie für erfahrene Bergsteiger besteigbar, nur für diese zu empfehlen ist und daß man keinesfalls allein gehen soll.
Für Erik Van de Perre ist die Herðubreið "ein beliebtes Wanderziel"!! "An schönen Sommertagen bewegen sich ganze Karawanen den Berg hinauf. Unproblematisch ist das allerdings nicht, da die einzige Route wegen des sehr locker gelagerten Gesteins über weite Strecken steinschlagsgefährdet ist."
Van de Perre, Erik: Island, München 1999, S. 117
Das klingt viel zu harmlos.
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